Jenseits von Eden, wo es an Leuten mangelt

von

Osteuropa leidet unter der großen Anzahl von Auswanderern.
Ihre Rückkehr ist allerdings eine Aufgabe mit besonderer Schwierigkeit

Von Vanya Dimitrova, Zeitschrift "Capital"
Übersetzung von Ludmilla Eimer

 

Überblick:

-        5,5% der Bevölkerung in Osteuropa wanderte in den letzten 25 Jahren aus. Diese Tatsache bremst das wirtschaftliche Wachstum und die Wettbewerbsfähigkeit dieser Länder.

-        Das Geld, das die Emigranten in ihr Heimat schicken, wirkt sich positiv auf den Verbrauch. Die Wirkung ist allerdings temporär, da keine Investitionen einfließen.

-        Die Länder aus Mitteleuropa betrieben am aktivsten den Aufwand, neue Strategien zu entwickeln, um Emigranten anzuziehen. Diese haben aber eine eingeschränkte Wirkung.

-        Damit ein Großteil der Auswanderer zurückkehrt, müssen das wirtschaftliche Umfeld und die Perspektiven in der Region verbessert werden.

 

Der Verlust von Arbeitskräften und jungen gut ausgebildeten Menschen hat für Osteuropa schlimme Folgen.

 

Nennen Sie es einfach bittere Ironie ... Einerseits ist die nicht geringere Anzahl von Immigranten aus Osteuropa einer der Gründe, warum viele Briten für eine so radikale Entscheidung wie den Brexit gestimmt haben. Andererseits die noch größere Anzahl von Menschen, die aus ihrer Heimat ausgewandert sind, ist für Osteuropa ein ernstes Problem. Etwa 20 Mio. Menschen sind seit dem Zerfall des Kommunismus bis jetzt aus Osteuropa nach Westeuropa und in die USA ausgewandert, lautet in einem Bericht des Internationalen Währungsfonds. Die Länder Südosteuropas (Bulgarien, Rumänien, Kroatien und Albanien) sind am stärksten davon betroffen.

Die Migration hat zwar zu einem insgesamt höheren Wachstum in der Europäischen Union geführt, hat aber andererseits in der Zeit von 1999 bis zum 2014 die durchschnittliche Wachstumsrate von Ländern wie Albanien, Montenegro, Rumänien, Litauen und Lettland mit 0,6-0,9 Prozentpunkte gesenkt. Dies ist vor allen Dingen auf den Verlust von Arbeitskräften sowie auch auf die schlechtere Fertigkeiten und Fähigkeiten der Arbeiter zurückzuführen. Natürlich ändern die traurigen Tatsachen nicht die Gründe, aufgrund dessen viele Osteuropäer auswandern möchten - Arbeitssuche und bessere Karrieremöglichkeiten, bessere Einkünfte und im Allgemeinen ein besseres Lebensstandard. Die Berichtigung einer oder aller dieser Gründe wird mit der Zeit immer schwieriger, da viele gut ausgebildete Kräfte, die eine Besserung der Situation in den Ländern bewirken könnten, nicht mehr im Lande sind. Ihre Rückkehr verwandelt sich in eine Aufgabe mit erhöhter Schwierigkeit.

Über die Migration

 

Die Auswanderung von etwa 5,5% der Bevölkerung aus Osteuropa im Jahre 1990 hat das Wirtschaftswachstum verlangsamt, was dazu geführt hat, dass das Einkommen in diesen Ländern nicht mit dem Einkommen in Westeuropa standhalten konnte.

 Acht von zehn Migranten haben Westeuropa als ihr Ziel gewählt (vorwiegend Deutschland, Spanien und Italien). Außerhalb Europa bleibt die USA das am meisten ersehnte Auswanderungsziel (1 von jeden 10 Migranten). Die unangenehmste Folge dieser beispielslosen Emigration ist für die osteuropäischen Wirtschaften der Mangel an Arbeitskräften und Leistungsfähigkeit, was sich letztendlich auf ihre Wettbewerbsfähigkeit auswirkt.

Da sich die meisten Auswanderer in einem arbeitsfähigen Alter befinden, verändert außerdem die Emigration die Bevölkerungsstruktur. Daher erfordert dies auch eine Umlage des Budgets. Aktuell fließen mehr Mittel für Sozialausgaben im Vergleich zum Bruttoinlandprodukt ein. Während die schlechter ausgebildeten Auswanderer aufgrund des niedrigeren Einkommens auswandern, liegt der Grund bei den gut ausgebildeten Kräften eher in der schlechten Qualität der Behörden und im niedrigeren Lebensstandard. Bis 2030 wird das Bruttoinlandprodukt pro Einwohner in den baltischen Ländern, Bulgarien und Rumänien bei andauernden Migrationsströmen mit 4 % sinken.

Selbstverständlich gibt es wesentliche Unterschiede in den einzelnen Ländern. Zum Beispiel etwa ein Viertel der Bevölkerung Moldawiens hat das Land verlassen, während in Polen die Zahl der polnischen Emigranten zwar groß ist, dies aber im Vergleich zu der Gesamtbevölkerung nicht wesentlich ist. Rumänien, Litauen, Lettland und Bulgarien sind weitere Länder, bei denen die Auswanderung im Vergleich zu der Gesamtbevölkerung eine bedeutende Rolle spielt.

Von Bedeutung ist allerdings auch die Tatsache, dass ein Teil der osteuropäischen Immigranten in andere osteuropäische Länder immigriert sind, z. B. Moldauer nach Rumänien, Ukrainer nach Polen oder Russland, Rumänen nach Ungern usw., was die Auswanderung aus diesen Ländern ein wenig abfedert. Allerdings bleiben die Folgen für Länder wie Bulgarien, in denen wenig immigriert wird, schwerwiegend.

Und etwas (fast) Positives

Wenn es aus wirtschaftlicher Sicht etwas Positives gibt, so ist dies das Geld, das von den Emigranten eingebracht wird. Für viele dieser Länder sind dies die größten Investitionen von außen, die in den meisten Fällen den Verbrauch im Inland ankurbeln. Das ist das so genannte „finanzielle Vertiefung“ (Zunahme der Privatdarlehen oder Einlagen zum BIP). Polen, Rumänien und die Ukraine sind diejenigen Länder, die die meisten Geldmittel bekommen. Die Geldströme kommen vorwiegend aus Großbritannien, Deutschland, Schweiz, Spanien und den Niederlanden.

Die positiven Effekte bekommen diejenigen Familien zu spüren, die das Geld bekommen. Das Geld wird vorwiegend für Wohnungs- bzw. Hausrenovierungen, teilweise aber auch für die Ausbildung der Kinder genutzt. Ein Großteil davon wird ebenfalls für ein eigenes Start-Up-Geschäft genutzt. Diese sind allerdings nur vorläufige Ausgaben, die keine große Bedeutung für das langfristige Wachstum des entsprechenden Landes haben. Außerdem ist die positive Wirkung auf den BIP nur vorläufig, da diese Mittel nicht zur Schaffung von neuen Arbeitsplätzen eingesetzt werden. Die Auswanderer selbst versuchen eher zu gegebener Zeit, ihre Familien zu sich zu nehmen. 

Die Suche nach Lösungen

Jenseits von Pessimismus kann die Lösung in eine gut durchdachte Strategie gefunden werden, die dazu beitragen würde, Anreize für eine Rückkehr der Auswanderer zu schaffen und die Auswirkung der immer kleiner und älter werdenden Bevölkerung zu mildern. Die mitteleuropäischen Länder beschäftigten sich zwischen 2011 und 2014 genau damit und starteten ein Projekt namens „Rückkehr“ ("ReTurn: Regions benefiting from returning migrants"„). Die Strategie war nicht besonders erfolgreich, aber sie diente als Anreiz zum Starten anderer nationaler Programme in den Ländern. Die tschechische Regierung hat beispielsweise etwa 19 Mio. € in ein Programm namens „Navrat“ („Rückkehr“) investiert, das 2012 startete und 2019 enden soll. Das Programm wird in Form von Stipendien gewährt, mit denen man tschechische Wissenschaftler zu einer Rückkehr zu bewegen versucht. Die ungarische Regierung startet ein ähnliches Programm "Bewegende Kraft“ (Lendület), in dem 9 Mio. € einfließen und mit dem die ungarische Wissenschaftsakademie die Rückkehr von jungen ungarischen Wissenschaftlern unterstützt. Eine Bürgerinitiative in Ungarn gründete 2010 zum Beispiel die Stiftung „Komm nach Hause“, indem sie ausführliche Informationen über die Dokumente und die Verfahren im Falle eine Rückkehr anbot. Ähnliche Programme wurden auch in Polen, in der Slowakei, in Litauen und auch in Bulgarien gestartet.

Um aber die Auswanderer, die sich bereits im Ausland niedergelassen haben, zu einer Rückkehr zu bewegen, ist auch das Niveau der Bezahlung in langfristiger Hinsicht von großer Bedeutung, und nicht nur die kurzfristige Gewährung eines Stipendiums. Nach einem Bericht von Innovation Union Mitgliedsländer wie Bulgarien und Rumänien verlieren mehr Wissenschaftler, als sie heranziehen können, und zwar eben aufgrund der niedrigen Gehälter auf dem entsprechenden Gebiet.

Die Armut ist nicht immer das Hauptproblem zum Scheitern einer solchen Strategie, sondern die Ungleichheit und der Arbeitsmarkt. Daher ist es zurzeit wahrscheinlicher, dass polnische Migranten aufgrund attraktiverer Möglichkeiten in ihr Land zurückkehren würden als rumänische (oder bulgarische, albanische oder moldauische) Migranten.
Migranten werden erst dann zurückkehren, wenn ihre Heimatländer erfolgreich sind und ihnen und ihren Kindern ausgezeichnete Arbeitsmöglichkeiten und Perspektiven anbieten.

Auf der Suche nach dem Glück

Die Perspektiven für die Rückkehrer sind aber nach ihrer Rückkehr auch nicht immer optimal. Die optimistische Idee, dass die Rückkehrer mehr Fertigkeiten "nach Hause" bringen, ist nicht immer zutreffend. 66 % davon haben im Ausland Arbeiten verrichtet, die niedriger qualifiziert waren, als die Ausbildung, die sie selbst in ihrem Heimatland genossen haben. Das heißt, dass hier kein Transfer von Fertigkeiten stattfinden kann.

Um die Rückkehr der Auswanderer zu begünstigen, ist letztendlich ein gutes Umfeld erforderlich, dessen Aufbau und Entwicklung langfristige Bemühungen und Geduld in Anspruch nehmen werden.
Denn rauszugehen, ist immer einfacher als wieder hineinzukommen.

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