Estlands vielseitiges Kulturerbe

von Kristina Prostran

Das Kulturangebot im baltischen Staat ist facettenreich. Vor dem Hintergrund, dass Estland jahrtausendelang fremdbeherrscht wurde, ist es umso erstaunlicher, wie viel eigenständige Kultur dem Land bis heute noch erhalten ist. Nicht nur an alten Traditionen und Bräuchen wird festgehalten, auch moderne kulturelle Veranstaltungen spielen eine große Rolle. Festivals, Konzerte, Ausstellungen, Theater und viele weitere Veranstaltungen prägen das kulturelle Stadtbild und lassen es so vielfältig erscheinen.

Lebendige Musikszene

Musik ist wesentlicher Bestandteil der nationalen Identität und das ganze Jahr im Land zu genießen. Ob auf der Straße, in der Oper, im Nachtclub oder in der Bar - die musikalische Vielfalt in Estland ist heute bunter und lebendiger denn je. Sie wartet nur darauf gesehen und gehört zu werden.

Die zeitgenössische Musik ist das Aushängeschild des Landes. Bekannte Komponisten, wie Arvo Pärt, Veljo Tormis und Erkki-Sven Tüür und namhafte Dirigenten, wie Neeme Järvi, Eri Klas, Tonu Kaljuste und Anu Tali sind Bestandteil eines faszinierenden Musikgenres, das tausende Menschen national sowie international begeistert.

Aber auch die Festivalszene im Land ist hiesig. Sämtliche Musikgenres, von Rock und Pop bis hin zur Klassik, werden bespielt. Für jeden Geschmack ist das Passende dabei. Während Jazzbegeisterte beim Jazzkaar-Festival jährlich der estnischen Jazz-Elite lauschen können, bietet das Brigitta-Festivalim St.-Brigitte-Kloster in Tallinns Stadtteil Pririta Freunden der klassischen Musik ein unvergessliches Ereignis. Auf dem Volksmusik-Festival in Viljandi wird traditionelle Musik verschiedener Völker dargeboten. Es zieht sowohl jung als auch alt gleichermaßen an und ist eines der beliebtesten Ereignisse des Jahres.

Traditionelle Sänger- und Tanzfeste

Die Sänger- und Tanzfeste haben in der estnischen Kultur eine sehr alte Tradition. Ihren Ursprung haben sie im Jahr 1869, zu Beginn der estnischen Nationalbewegung. Sie sind das Resultat estnischen Nationalbewusstseins und Hoffnungsträger nach jahrelanger Fremdherrschaft, heute mit Zuversicht das Land eigenständig zu regieren. 

Das Sänger- und Tanzfest der Jugend „Mina jään“ ist eines der bekanntesten. Tausende Chorsänger, Musiker und Tänzer unterschiedlicher Generationen versammeln sich im Sommer in der Hauptstadt und stellen ein unvergessliches Programm vor. Es besteht aus Werken berühmter estnischer Komponisten sowie aus Vorstellungen traditioneller estnischer Volkstänze in farbenprächtigen Nationalkostümen. Eine atemberaubende Atmosphäre macht sich auf dem Festgelände breit, wenn Hunderttausende mitsingen und mittanzen. Highlight des Festivals ist der Umzug durch Tallinns Straßen, an dem alle Festteilnehmer sowie mehrere tausende Zuschauer teilnehmen.

Die Sänger- und Tanzfeste Estlands sind mitreißende Veranstaltungen. Auch heute noch tragen sie den Glauben und die Hoffnung an die Selbstständigkeit des Staates in sich. Sie sind Treffpunkt für Familien, Freunde, Verwandte und Ausdruck estnischen Gemeinsinns.

Die Kunst & Theaterszene

Das estnische Kunstmuseum KUMU im Tallinner Stadtteil Kadriorg ist eines der bedeutendsten künstlerischen Einrichtungen Estlands. Von den Anfängen des 18. Jahrhunderts bis zu den 90er Jahren wird die estnische Kunst in einer Dauerausstellung präsentiert. Darüber hinaus beinhaltet das KUMU eine Galerie voll mit zeitgenössischer Kunst sowie einem großen Ausstellungssaal mit Werken vieler nationaler aber auch internationaler Künstler. 

Wer sich für Aktmalerei interessiert, kann in Haapsalu die Galerie des Künstlers Evald Okas besuchen oder in Pärnu im Chaplin Art Center moderne Exponate von Künstlern bestaunen. 

 

Die Theaterszene in Estland ist angesagter denn je. Theaterbegeisterte finden hier gleich mehrere künstlerische Einrichtungen, die es zu entdecken gilt.

Das älteste estnische Theater Vanemuine in Tartu vereint gleich drei Künste: Hier werden sowohl Theater-, Musik- als auch Tanzaufführungen dargeboten.
Daneben zählt die Nationaloper Estonia, das Estnische Dramentheater sowie das Tallinner Stadttheater zu den bedeutendsten Schauspielhäusern des Landes.

Aber auch alternative Aufführungsformen gewinnen immer mehr an Bedeutung. So stößt das Theater NO99 mit seinen Großaufführungen auf positive Resonanz. Neue Spielorte und Aufführungsmöglichkeiten bieten sowohl unterhaltsamen als auch ernsteren Stücken außerhalb der üblichen Theaterräumlichkeiten eine geeignete Plattform.

Die Esskultur Estlands

Die traditionell estnische Küche ist aufgrund der geschichtlichen und kulturellen Entwicklungen im Land sehr vielseitig. Einflüsse aus Deutschland, Skandinavien und Russland haben die estnische Nationalküche geprägt. So sind Kartoffeln, Sauerkraut und Schweinefleisch aus der deutschen, Schaschlik aus der russischen und zahlreiche Fischgerichte aus der skandinavischen Küche inspiriert. Auch bei den Getränken sind deutsche und russische Einflüsse deutlich zu erkennen. So werden in Estland qualitativ hochwertiger Wodka und Bier produziert.

Im Allgemeinen bestehen typische estnische Gerichte aus Brot, Kartoffeln, gesalzenen Strömlingen, Schweinefleisch, Milch, Pilze und Beeren, Hülsenfrüchte, Grütze und Mehl.

Insbesondere bei den deftigen Gerichten wie Schweinshaxe mit Sauerkraut und Kartoffelpüree, Linsensuppe mit Rauchfleisch und Klößchensuppe, sind die Ähnlichkeiten zu Deutschland erkennbar.

Doch die estnische Küche ist nicht nur durch andere Länder geprägt. Es gibt mindestens genauso viele traditionelle, estnische Gerichte, die keinem Einfluss unterliegen. Darunter fallen unter anderem die Dessertgerichte Kama (Creme mit Honigsoße) und Mulgi Korbid (Quarkkuchen) sowie herzhafte Gerichte, wie gedünstete Plötzen oder Bratlinge aus Grütze und geräucherten Strömlingen.

Das Brot ist in Estland eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel. Es spielt eine herausragende Rolle in der estnischen Küche, ist der Inbegriff der Existenz und Nahrung und großer Bestandteil estnischer Redewendungen:

  • Jätku leivale bedeutet „gesegnete Mahlzeit“, wörtlich heißt es so viel wie „Das Brot soll reichen!“
  • Ühes leivas bedeutet wörtlich „In einem Brot sein“, sinngemäß bedeutet es: „einen gemeinsamen Haushalt bilden“
  • „Familie“ bzw. „Haushaltsgemeinschaft“ heißt auf Estnisch leibkond, bedeutet wörtlich aber: „Brotschaft“.

 

 

Traditionelles Kunsthandwerk in Estland

Das Kunsthandwerk ist ein nicht wegzudenkender Aspekt in der estnischen Kultur. Materialien, wie Wolle, Textil, Ton und Holz sind wesentliche Bestandteile des Handwerks und spiegeln die estnische Tradition wider. Insbesondere das Stricken, Häkeln und Sticken sind in Estland weiterverbreitet. So ist die Insel Muhu die Geburtsstätte der traditionellen estnischen Kostüme, die auch heute noch bei besonderen Anlässen getragen werden. Aber auch bunte Überhosen für Kinder werden hier aus Wolle hergestellt, die sie in den Wintermonaten vor der Kälte schützen.

Auf der Insel Kihnu werden mit traditionellen Webstühlen und heimischer Wolle Handschuhe, Strümpfe, Röcke und Blusen gewebt und gestrickt. Ihren besonderen Charakter und Wiedererkennungswert erhalten sie durch bunte Farben, lebhafte Streifenmuster und aufwendige Stickereien.

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