Die goldenen Adler der Kasachen und der Mongolen

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Als ich zum ersten Mal davon las, war ich von dem majestätischen Anblick der Menschen mit dem stolzen Adler auf den Fäusten beeindruckt. Es war schwierig sich vorzustellen, wie dieser schier unbezwingbare Vogel so nah an einem Menschen leben kann.

Die Kunst der Adlerjagd ist eine der vielen kasachischen und mongolischen Traditionen, die seit mehr als 6.000 Jahren das kasachische und mongolische Volk durch Steppen und Gebirgen begleitet.

Die goldenen Adler …

… (so nennt man die Steinadler) nehmen einen wichtigen Platz in der kasachischen und in der mongolischen Kultur ein. Sie sind oft Hauptdarsteller in alten Legenden, Erzählungen und Sprichwörtern. Schöne Pferde und furchtlose Adler sind die Flügel der Kasachen, sagt ein kasachisches Sprichwort. Das kasachische und das mongolische Volk haben seit über 6.000 Jahren ihre uralte Tradition, die Könige der Luft für die Jagd einzusetzen, bis zum heutigen Tage aufbewahrt.

Im Altai-Gebirge, das sich in der West-Mongolei befindet, erstrecken sich weite Steppen, die die Jagd von Tieren schier unmöglich macht. Im Laufe der Jahrtausende haben die kasachischen und die mongolischen Jäger eine beeindruckende Symbiose mit den goldenen in dieser Region lebenden Adlern entwickelt, damit sie für die Menschen wilde Tiere (Hasen, Füchse, Wölfe) jagen können.

Das klingt für uns wie aus einer längst vergangenen Zeit. Etwas Abenteuerlich aus der Ferne, was nur in der Phantasie eines Menschen existieren kann. Etwas, wovon wir träumen, wenn wir aus unserem normalen Alltag entfliehen wollen. Nein, das ist es nicht. Diese alte Tradition existiert nach wie vor und wird weiterhin von Generation zu Generation weitergegeben, auch wenn es heute – so habe ich das zumindest gelesen – nur etwa 50-60 echte Adlerjäger geblieben sind. Die Kasachen aus Altai sind mit ihrer Jagdtradition zu Pferd mit einem goldenen Adler in der Hand einmalig. Alle zusammen bilden eine Einheit.

Der Jäger ist in der Steppe zu Pferd unterwegs. Er trägt den majestätischen Vogel in seiner ledergeschützten Hand, schaut sich auf dem Gebirgskamm um und wartet. Sobald er seine Beute erblickt – in der Regel einen Fuchs oder Wildhasen – reitet er los und lässt den Vogel mit einem krächzenden Schrei fliegen.

Aber wie beginnt alles?

Neugierig erfahre ich bei meinen Recherchen, dass die besondere Bindung zwischen dem Jäger und dem Adler schon in jenem Augenblick beginnt, als der Jäger die steilen Felsen hinaufsteigt und den Jungadler aus seinem Nest herausnimmt. Die Jungvögel müssen etwa 4 Jahre alt sein (die Steinadler können 30 Jahre alt werden). Die Vögel müssen in diesem Alter sein, denn es ist wichtig, dass sie schon das Jagen gelernt haben und nicht mehr von ihrer Mutter abhängig sind. Sie sollen auch nicht älter sein, weil sie sich sonst nie an einen Menschen gewöhnen werden.

Es ist sehr interessant, dass die Jäger bevorzugt weibliche Jungvögel wählen. Die weiblichen Vögel werden in der Regel größer, stärker und aggressiver als die männlichen Vögel. Ein ausgewachsener weiblicher Steinadler kann mit ausgebreiteten Flügeln 2,5 m breit sein und ein Gewicht von 15 kg erreichen.

Ist das nicht ein beeindruckender Anblick!

Die Ausbildung der jungen Jäger beginnt in jungem Teenageralter. Sie wachsen mit ihrem Vogel zusammen auf, wodurch die starke Bindung zwischen den beiden entsteht. Die spezifische Dressurtechnik der Adler beinhaltet auch lange Perioden, in denen die Augen der Vögel verbunden bleiben, damit diese eine starke Abhängigkeit zu seinem Menschen entwickeln können. Daher kommt es während der Dressur oft zu schlaflosen Nächten, die den zahlreichen Übungen mit dem Greifvogel gewidmet sind.

Auch der Mensch muss sehr viel Mut und Selbstbeherrschung zeigen, denn genau dies ist der Schlüssel der starken Bindung zwischen Mensch und Tier. Der Adler wird somit ein Teil der Familie und nimmt einen ehrenhaften Platz darin. Natürlich mit Ausnahme der Sommermonate. Die Bindung zwischen Jäger und Vogel dauert etwa 6-8 Jahre. Dann wird der Adler in die Natur freigelassen, damit er sich einen Partner/-in finden kann.

Ganz früher war die Adlerjagd immer eine Männerdomäne. Das hat sich auch mit der Zeit geändert. Junge Mädchen übernehmen heutzutage die Tradition von ihren Vätern und entdecken die Leidenschaft der Adlerjagd für sich. Durch ihren Mut und Enthusiasmus beweisen sie, dass sie die Adlerjagd nicht schlechter als die Männer beherrschen können.

Haben Sie auch nicht schon einmal davon geträumt …

… sich irgendwo ganz fern vom Alltag in einem fernen Land zu befinden? Vielleicht bei einer beeindruckenden Adlerjagd dabei zu sein?

Mitte Oktober eines jeden Jahres verwandelt sich die Provinz Bayan-Ulgii in der Mongolei, was so viel wie die goldene Schaukel bedeutet, in eine Arena der uralten Jagdkunst. Mit dem traditionellen Festival "Der goldene Adler" (Golden eagle) beginnt dort die Jagdsaison und stellt gleichzeitig ein erlebnisvolles Spektakel dar, das seinesgleichen nicht kennt. Tapfere Jäger und majestätische Vögel lassen sich in einen wilden Tanz mit der Natur ein, um ihre Fertigkeiten unter Beweis zu stellen. Fertigkeiten, die von Generation zu Generation übertragen werden.

Viele alte Traditionen und Bräuche leben nach der Unabhängigkeitserklärung Kasachstans auf. Dazu gehört eben auch die Adlerjagd. Teil einer solchen Veranstaltung zu sein, wäre eine Reise ins Altai-Gebirge wert. Man wird mit atemberaubenden Bildern und Szenen belohnt, die mit Sicherheit nie vergessen werden. Der Höhepunkt einer solchen Veranstaltung – ließ ich mir sagen – ist der Aufstieg der in einer Volkstracht bekleideten Adlerjäger auf einen Hügel mit dem Adler auf den Fäusten.

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